Kritik aus der WR zu “Glaube, Liebe, Hoffnung”

Kritik aus der WR zu “Glaube, Liebe, Hoffnung”

[Zur Kritik]

Werra Rundschau vom 21.10.19, Eschwege

Glaube, liebe, Hoffnung” am Jungen Theater Eschwege

Täter und Opfer: Der Präparator (Erik Eyser) und die junge Elisabeth (Katharina Hämmerling), die ihren Leichnam zu Lebenzeiten verkaufen will, um eine Schuld zu begleichen und dabei immer tief er in den vernichtenden Strudel aus Bösartigkeit und Gleichgültigkeit einer verkommenen und seelisch verarmten Gesellschafft gerät. Das Stück „Glaube, Liebe Hoffnung“ von Ödön von Horvath feiert jetzt Premiere am Jungen Theater in Eschwege.© Stefanie Salzmann
Mit dem Stück “Glaube, Liebe, Hoffnung” von Ödön von Horvath das das Junge Theater Eschwege am Freitag eine weitere Premiere gefeiert.

Eschwege. Die jüngste Inszenierung des Jungen Theaters „Glaube, Liebe, Hoffnung“ von Ödön von Horvath unter Regie von Dieter Salzmann könnte nicht besser in unsere Zeit passen. Hält das Stück, das der Österreicher zu Beginn der 1930er-Jahre schrieb, doch unsere Gesellschaft einen brutalen Spiegel vors Gesicht.

Arbeitslosigkeit und Rezession
Der historische Schauplatz ist Wien, Arbeitslosigkeit und Rezession herrschen, der Nationalsozialismus hat sich bereits wie eine Krake in die Seelen der Menschen gefressen, als die junge Elisabeth, eindringlich gespielt von Katharina Hämmerling, energisch und wild um ihr Glück und zugleich um ihre Existenz kämpft.

Doch außer gestörten Psychopaten, gescheiterten Möchtegerns, widerlichen Emporkömmlingen und gefallenen Kreaturen, die selbst gern noch mal fest nach unten treten, um sich in ihrer seelischen Armut und Verkommenheit besser zu fühlen.

Der Präparator
Der erste dieser Elenden, mit der die junge Elisabeth zu tun hat, ist der Präparator des Anatomischen Instituts – in seiner komplexen Widerlichkeit großartig dargestellt von Erik Eyser, der zum ersten Mal auf der Bühne des Jungen Theaters steht und dort ein bemerkenswertes Debüt hinlegt. In dem Institut will Elisabeth ihren Leichnam zu Lebzeiten verkaufen, um eine Schuld zu begleichen. Der schmierige Präparator schießt ihr das Geld vor. „Ich bin ein guter Mensch“, nährt sich ihr aber zugleich ebenso anzüglich wie verkorkst, und lässt sie später wegen angeblichen Betruges, letztendlich aber aus verletzter Eitelkeit fallen, und Elisabeth muss ins Gefängnis.

Immer wieder wird die junge Frau auf ihrem Weg, durch den sie sich trotz Demütigungen und Rückschlägen immer noch tapfer kämpft, von Männern bedroht und zugleich befummelt. Besonders deutlich wird das in den Szenen mit dem Polizeioberinspektor (Luca Siepmann), der von Satz zu Satz zwischen Beamten und Begierigem wechselt. Selbst ihr Bräutigam, ein junger Polizist (Angelique Weck) lässt sie fallen, als er erfährt, dass sie im Gefängnis war und er wegen der Verbindung um seine Karriere fürchtet. „Erst kommt die Pflicht und dann lange nichts.“ Auch er eine Gestalt, die zwischen Selbstmitleid, Sentimentalität und kleingeistiger Engstirnigkeit verfault. Ebenso der abgehalfterte Baron (Holger Hämmerling), der sich für was Besseres hält, aber doch zugeben muss: „Ich bin jetzt parterre.“

Elisabeth geht an kalter Gesellschaft zugrunde
Die kalte und egomanische Gesellschaft, an der die junge Elisabeth letztendlich zugrunde geht, wird im Gesamtbild in zwei Szenen besonders deutlich, wenn alle Protagonisten als rücksichtlose und wahrnehmungsarme Passanten um Elisabeth herum über die Bühne eilen oder sie monoton und brutal mit den Füßen stampfend „Im Namen des Volkes“ verurteilen und dabei endlos Strafrechts-Paragrafen lesen. Letztendlich nehmen sie selbst ihren Selbstmord völlig teilnahmslos hin.

Genial korrespondiert das moderne Bühnenbild mit der abgestorbenen Gefühlswelt der Figuren: transparente, in kalten Blau und Weiß beleuchtete Regale, in denen Leichenteile liegen. Allerdings hätte der starke Text und Inhalt des Stücks gut auf die historischen, eher folkloristischen anmutenden Kostüme verzichten können, die im sinnlosen Gegensatz zum modernen und klarem Bühnenbild stehen.

Einige, durchaus tragende Rollen sind zu blass und in ihrer Persönlichkeit nicht ausentwickelt. Dennoch ein wirklich sehenswertes Stück mit viel Potenzial zur Selbstreflexion. Und wem das alles zu schwer ist, wer aber ein Fan des amerikanischen Serienarztes Dr. House ist, sollte trotzdem hingehen und sich Erik Eyser in der Rolle des Präparators ansehen und hoffen, dass seine Frisur aus dem letzten Akt Schule macht.

Weitere Vorstellungen sind am kommenden Sonntag, 27. Oktober, 18 Uhr, Samstag, 2. November, 20 Uhr und Sonntag, 3. November, 18 Uhr. Tickets unterjunges-theater-eschwege.de

[Glaube, Liebe, Hoffnung]