Kritik vom 5.3.18 – Im Konflikt der Pflichten

Kritik vom 5.3.18 – Im Konflikt der Pflichten

Innere Zerrissenheit: Der Mediziner Tim, gespielt von Johannes Meier, hat sich einen Eid gegeben, der einzuhalten schwieriger ist als gedacht. Mit seiner Umwelt führt er wortreiche Kämpfe. Foto: Schöggl

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Junges Theater Eschwege thematisiert mit „Das Gelübde” die innere Zerrissenheit

Von Lorenz Schöggl

ESCHWEGE. Den erbitterten Kampf zwischen dem inneren Verlangen, nach einem Gelübde zu leben, und dem steten Versuch, einen Rücktritt von diesem Eid zu rechtfertigen, hat das Junge Theater Eschwege am Samstag bei der Premiere von “Das Gelübde” bewegend, emotional, aber auch belastend präsentiert. Die Zuschauer erwartete ein Stück, das in eine abstrakte Problematik der inneren Zerrissenheit entführte und genügend Anreize mitgab, um sich noch lange mit dem moralischen Kern auseinanderzusetzen.

Versprochen ist versprochen. Doch was, wenn Pflichten einander ausschließen? Wie geht man mit einem Eid um, der das eigene und das Leben der Umwelt existenziell verändern wird? Wird aus einem Gelübde für die Ewigkeit doch nur ein relativiertes Versprechen? Der Mediziner Tim, dargestellt durch den Regisseur, Produzenten und Co-Leiter Johannes Meier, findet sich in einer schrecklichen, aber umso mehr auch emotionalen Situation wieder ein Flugzeugabsturz. Wenige Sekunden vor der Erdoberfläche, sein Leben reflektierend, leistet er ein Gelübde: ‚Sollte er den Absturz überstehen, kehrt er als Arzt zurück in eine afrikanische Krisenregion. „Packend und spitzenmäßig vermittelt”, resümieren Marita und Robert Hausmann. Nach einem Einblick in die Gedanken verschiedener Insassen wechselt die Szene in Tims Heimat – er hat überlebt. Es beginnt ein dramatischer und wortreicher Kampf zwischen Tim und seiner Umwelt; mit Freunden und Verwandten werden eloquente Gefechte geschlagen. „Ein unter Druck erzwungener Vertrag ist ganz klar ungültig”, argumentiert Tims Freund, dargestellt durch Sebastian Perels, Leiter und Bühnenbildner des Stücks. „Wer liebt, geht nicht”, betont Tims Mutter (Margot Flügel-Anhalt), während Tims Vater (Dieter Salzmann) davon überzeugt ist, dass Tim „überrumpelt war und irrational reagiert hat“.

Doch ist das Halten eines Versprechens, egal in welcher Situation, nicht absolut rational? Die größte Herausforderung bleibt: „Liebst du mich nicht mehr oder hasst du deine Heimat?”, sind die ersten Fragen Tims schwangerer Freundin (Anne-Rike Preiß), als sie von seinem Eid erfährt. Den inneren Kampf zwischen dem Verlangen, das Gelübde einzuhalten, und dem Versuch, von ihm abzuweichen, projiziert das Junge Theater gekonnt auf Dialoge mit der Umwelt des Protagonisten. „Es war anfangs etwas gewöhnungsbedürfüg”, stimmen Katja Volkmer und Christian Claus vielen Besuchern zu, „aber unglaublich einfühlsam”. Die sieben Darsteller – mit dabei waren noch Angelique Weck und Holger Hämmerling – füllten die Szene mit einer bildlich erzählten Rede, die teils in die Du-Perspektive wechselte.

Letztendlich bleibt die Kernfrage: Welche Pflicht überwiegt? Die gegenüber der Familie, Freunden und der Freundin oder die gegenüber dem feierlichen Eid? Das Junge Theater Eschwege präsentiert Tims Antwort am 9 , 10 und 16, März jeweils um 20 Uhr im E-Werk.

(Quelle: Werra Rundschau vom 5.3.2018, Eschwege)