Besuch im Jungen Theater Eschwege – von Jörg Tiedemann

Besuch im Jungen Theater Eschwege – von Jörg Tiedemann

Ein Dutzend Menschen auf der Bühne sitzt auf Roll-Koffern. Es beginnt zu ruckeln, die Turbulenzen werden immer stärker.
Plötzlich ruft jemand empört aus: „Ausgerechnet ein Gelübde! Wer macht denn sowas?“ Oje, was soll das denn?

Im vollbesetzten Zuschauerraum des Eschweger E-Werks greift Irritation um sich. – Von der Bühne folgt ein Aufklärung verheißendes „Beginnen wir früher!“
Zwei Männer in Arztkitteln sitzen auf der Bühne und rauchen. Aber statt dass die beiden einen Dialog miteinander führen würden, bleiben sie still und lassen einen Chor von Schauspielern Regieanweisungen und Kommentare in den Raum rufen: „Veranda. Grillzirpen. Grundelemente eben. Lichter einer afrikanischen Großstadt.. Klimpern von Eiswürfeln. Mücken. Gin Tonic. Das Übliche eben.“

Altmeister Bertolt Brecht hätte gewiss seine Freude daran gehabt zu sehen, wie sein episches Theater in dieser Inszenierung konsequent weiterentwickelt wird: Die Bühne erzählt einen Vorgang. Der Zuschauer soll sich von den Akteuren nicht einlullen lassen, er soll keiner Illusion verfallen, sondern das Dargestellte kritisch reflektieren.

Und so erfährt er nun etwas über den „Korruptionssumpf“ in Afrika, über die katastrophale Infrastruktur, über die AIDS-Rate in den Slums – und darüber, dass all diese Themen zum Standard-Repertoire auf den einschlägigen Partys und Empfängen von Ärzten und Entwicklungshelfern zählen.
Doch, ja, so etwa „fünf Sätze zur Armut in den Slums“ solle man schon von sich geben, bevor man sich den jeweils nächsten Gin Tonic genehmige.
Nun aber sei der „Moment für die Wendung“ gekommen, verkündet der Chor: Man müsse sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, das Flüchtlingsproblem bei der Wurzel packen.

Tim – so heißt der junge Arzt – sei jetzt bereit dazu, Verantwortung für das Armen-Klinikum „Centre d‘espoir“ zu übernehmen.
Eine Filmszene schließt sich an. Sie zeigt eine panische Auto-Fahrt durch den dichten Verkehr einer afrikanischen Großstadt. „Du weißt, er braucht Blut“, heißt es aus dem Off. „Der Junge in Flip-Flops hat AIDS, und er braucht dringend Blut.“ Die Fahrt zum Blutspendezentrum aber endet mit der niederschmetternden Auskunft, dass schlicht kein Blut da sei und keine Vorsorge getroffen wurde. „Der Junge wird sterben. Du kannst es nicht ändern.“

Es folgt eine Szene in einem Flugzeug. Passagiere sitzen vorn übergebeugt. Man hört Winseln und Gebete und die strenge Aufforderung, nur ja die Köpfe unten zu behalten. „Gleich müssen wir sterben“, schreit jemand. Und dass die Frauen unbedingt die Stöckelschuhe ausziehen sollten, bevor es losgehe. „Die reißen Löcher in das Plastik!“ Köpfe unten behalten!

Tim aber schließt in Panik einen Pakt, macht sein Gelübde: Er will Verantwortung übernehmen, außerhalb der Komfortzone.

Allmählich erschließt sich, worum es in der merkwürdigen ersten Szene ging, die wir nun eingeholt haben. Und man ahnt, was für ein Gelübde Tim abgelegt hat, wenn er im nächsten Auftritt mit einer Freundin zusammentrifft, die sein Engagement enthusiastisch als Ausdruck von Gottesfurcht und Nächstenliebe preist, als Hingabe und Sinnsuche.

„Nein, nein, so ist das alles nicht“, entgegnet Tim. „Bei dir klingt das so aufgeladen. Das ist Kitsch. Ich bin kein Held, ich bin Beamter. Und ich glaube auch nicht an Gott.“
„Aber du liebst diese Menschen!“ – „Nein, tue ich nicht. Nähe ist mir unangenehm. Höchstens mal ein Händedruck. Ich sehe keine Menschen, sondern einfach nur Körper.“
Noch schwieriger aber wird das Gespräch mit seiner Mutter, die es nicht wahrhaben will, dass er nun „für immer“ nach Afrika zurückgehen will, um im Hospiz zu arbeiten. Aber er habe im Flugzeug doch ein Gelübde abgelegt, insistiert Tim. Die Mutter ist entsetzt: „Wie kannst du mir all das nehmen, worauf ich mich gefreut habe: Deine Hochzeit mit Sara, Eure Kinder, meine Enkel, Deine Chefarzt-Stelle?“ Sie erzählt von ihrer panischen Angst auf der Fahrt zum Flughafen, von der Nachricht von der Notwasserung seiner Maschine.

Das Gespräch mit dem Vater hingegen ist wie ein Schachspiel angelegt – versinnbildlicht dadurch, dass die beiden immer mal wieder eine Figur auf einem Brett bewegen. Papa versucht es taktisch geschickt mit Verständnis: „Klar, du dachtest vor dem Absturz doch, dass du dabei wirklich sterben würdest. In dem Moment warst du doch völlig überrumpelt und hast mit dem Gelübde eine hochemotionale Entscheidung gefällt.“ Das hätte in dieser Extremsituation doch jeder getan. Aber das alles sei doch nun vorbei. Je länger das Gespräch jedoch dauert, desto ärgerlicher wird der Vater. Es gehe um Vernunft an Stelle von Emotion: Was Tim vorhabe, sei der reine Wahnsinn. „Man geht nicht, wenn man liebt!“

Noch komplizierter wird das Gespräch mit seiner Freundin Sara, die ein Kind von ihm erwartet. Der Konflikt zwischen seinem Versprechen an sie und seinem Versprechen an sich selbst wird auf die Spitze getrieben. Seine letzte Hoffnung, Sara möge mit nach Afrika kommen, zerschlägt sich. Am Ende trifft Tim eine Entscheidung, hin- und hergerissen zwischen den Erwartungen der Anderen und seinem Versprechen, sein Leben für das Hospiz aufzuopfern, falls er den Absturz überlebt. Das junge Publikum aber hat offenbar den Roten Faden gefunden. Während der Aufführung bleibt es im Zuschauerraum überraschend still, was ganz offenbar auch mit der überzeugenden Leistung der Schauspieler und mit der Wucht der Inszenierung zu tun hat.

Die Zehntklässler der Rhenanus-Schule kommentieren die Aufführung aus ihrer Sicht:

„Gut dargestellt und gespielt. Manche Szenenübergänge fand ich aber unlogisch.“
„Störende Bild- und Tonsequenzen haben es erschwert, der Handlung zu folgen.“
„Interessant fand ich die Ausschmückung der Szenen mit wenig Equipment.“
„Mit wenigen Mitteln wurde viel erreicht.“
„Das Stück macht einem klar, was es bedeutet, einen Gewissenskonflikt zu erleben.“
„Es war irritierend, dass man einfach so ins Geschehen hineingeworfen wurde ohne jede Vorgeschichte. An sich war es aber eine interessante Geschichte. Eine Entscheidung, die ich selber nicht gern treffen würde.“
„Am Anfang war es extrem anstrengend, da mir das Motiv der Koffer nicht klar wurde. Ansonsten: Gutes Stück. Die Dialoge haben viel über die Charaktere ausgesagt und die Darsteller waren sehr kompetent.“
„Erst als die Gespräche mit Tim begannen, konnte ich richtig mitfühlen. Ich verstehe Tim auch, aber noch mehr verstehe ich seine Familie.“
„Mir war ungefähr eine Stunde lang unklar, worum es ging. Aber danach fand ich es richtig interessant.“
„Gut gelungen fand ich die Übergänge zwischen den Szenen. Eine Szene war noch nicht ganz zu Ende, da hatte die nächste schon angefangen.“
„Interessant fand ich, wie sich im Laufe der Handlung die Figuren, die zunächst eher hintergründige Rollen hatten, sich zunehmend aus der Passivität herausschälten und zu den zentral handelnden Personen wurden.“

(Quelle: Homepage Rhenanus Schule BSA)